Was bedeutet grüner Stadtumbau im Grazer Alltag? Für Judith Schwentner beginnt er nicht bei einzelnen Radwegen oder Baustellen, sondern bei der Frage, wie eine wachsende Stadt mit begrenztem Platz funktioniert. Die Spitzenkandidatin der Grünen und Vizebürgermeisterin stellt im Interview mit Inside Graz und Inside Politics – Austria Gestaltung, Verkehr, Grünraum, Energie und Lebensqualität in den Mittelpunkt.
Ihre zentrale Botschaft: Die Grünen wollen Graz nicht nur verwalten, sondern weiter umbauen. Dabei verteidigt Schwentner die Politik der vergangenen Jahre, spricht über umstrittene Baustellen, verweist auf neue Parks und Öffi-Projekte und macht klar, dass sie den eingeschlagenen Weg fortsetzen will.
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Das Interview auf einen Blick
Person: Judith Schwentner
Partei: Die Grünen
Funktion: Vizebürgermeisterin und Spitzenkandidatin zur Graz-Wahl 2026
Themen: Stadtumbau, Verkehr, Außenbezirke, Parks, Energie, Wirtschaft, Koalition
Politischer Konflikt: Verteidigung grüner Stadtpolitik gegen Kritik an Baustellen und Verkehrspolitik
Zentrales Angebot: Graz weiter gestalten statt nur verwalten
Stadtumbau trotz Wahljahr
Gleich zu Beginn wird Schwentner gefragt, welche Baustelle sie lieber nicht im Wahljahr gehabt hätte. Ihre Antwort zeigt den Kern ihres politischen Selbstverständnisses: Sie will Projekte nicht verschieben, nur weil eine Wahl bevorsteht.
Aus ihrer Sicht hat Graz zu lange Dinge aufgeschoben. Die neue Linie hätte man zwar verschieben können, die Stadtregierung habe sich aber bewusst für die Umsetzung entschieden. Das sei nicht immer bequem, aber genau dafür sei sie gewählt worden.
Damit setzt Schwentner eine klare Linie: Politik soll nicht warten, bis ein perfekter Zeitpunkt kommt. Sie soll umsetzen. Der politische Konflikt liegt auf der Hand. Was die Grünen als Verantwortungsübernahme sehen, erleben manche Bürgerinnen und Bürger als Baustellenbelastung, Umleitung oder Veränderung im Alltag.
Verkehr für eine wachsende Stadt
Beim Verkehr argumentiert Schwentner mit dem Wachstum von Graz. Die Stadt sei in den vergangenen 20 Jahren stark gewachsen, aber nicht größer geworden. Der Platz im öffentlichen Raum sei begrenzt. Deshalb müsse Graz neu verteilen, wie Menschen unterwegs sind.
Sie will sichere Wege für Fußgängerinnen und Fußgänger, schnelle Radwege, gut getaktete Öffis und weiterhin Möglichkeiten für Menschen, die auf das Auto angewiesen sind. Das Auto verschwindet in ihrer Argumentation also nicht aus der Stadt. Es soll aber nicht mehr automatisch den meisten Raum beanspruchen.
Für viele Grazerinnen und Grazer wird diese Debatte im Alltag konkret: Wer braucht den Parkplatz? Wer braucht den Gehsteig? Wo fahren Busse schneller? Wo braucht es Radwege? Und wie viel Platz bleibt für Bäume, Grünflächen und Aufenthaltsräume?
Außenbezirke als Schwerpunkt
Ein häufiger Vorwurf an grüne Politik lautet, sie denke vor allem aus der Innenstadtperspektive. Schwentner weist das im Interview zurück. Gerade in den Außenbezirken sei in dieser Periode viel umgesetzt worden.
Sie verweist auf neue Parks, Projekte in Wohnumgebungen und die Doppelgleisigkeit der Linie 1 Richtung Mariatrost. Für die nächste Periode nennt sie die 15-Minuten-Stadt als Ziel – auch und gerade in den Außenbezirken.
Damit meint sie: Menschen sollen in ihrer Umgebung Einkaufsmöglichkeiten, Nahversorgung, Kindergarten, Apotheke, Öffis und Aufenthaltsorte finden. Der Alltag soll nicht nur in der Innenstadt funktionieren, sondern in allen Bezirken.
Dieser Punkt ist bürgernah, weil er direkt an Lebensrealität anschließt. Wer in einem Außenbezirk lebt, fragt nicht zuerst nach ideologischen Verkehrskonzepten, sondern danach, ob der Bus fährt, ob es Nahversorgung gibt, ob Kinder sicher unterwegs sind und ob es Orte gibt, an denen Nachbarschaft entstehen kann.
Parks, Schatten und Abkühlung
Besonders stark ist Schwentner, wenn sie über Grünraum spricht. Sie nennt die vielen neuen kleinen Parks und hebt den Lore Krainer Park als Beispiel hervor. Solche Orte seien Oasen für die Nachbarschaft.
Im Interview verteidigt sie auch den Wegfall einzelner Parkplätze. In dieser Periode seien rund 5 Prozent der Parkplätze reduziert worden. Das sei nicht Selbstzweck. Wo ein Parkplatz wegfalle, entstehe etwa ein Baum, eine Grünfläche oder ein Beitrag zur Entsiegelung.
Dahinter steht eine zentrale grüne Erzählung: Graz muss sich auf Hitze und Starkregen vorbereiten. Bäume, Schatten, Grünflächen und Versickerungsflächen sind aus dieser Sicht keine Verschönerung, sondern Infrastruktur.
Für Autofahrerinnen und Autofahrer ist das ein Eingriff. Für Menschen, die im Sommer in aufgeheizten Straßen wohnen, kann es eine konkrete Verbesserung sein. Genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich Schwentners Politik.
Bürgerbeteiligung und Akzeptanz
Auf die Frage, ob beim Stadtumbau Tempo oder Akzeptanz wichtiger sei, antwortet Schwentner: beides. Stadt sei immer Veränderung. Besser sei es, diese Veränderung aktiv zu steuern und nachvollziehbar zu machen.
Sie verweist auf Bürgerbeteiligung und Kommunikation bei Baustellen und Projekten. Ihr Anspruch lautet: Menschen sollen verstehen, warum etwas passiert. Das bedeutet aber nicht, dass am Ende jede Veränderung konfliktfrei bleibt.
Gerade hier liegt eine der offenen Fragen. Schwentner sagt, die Stadt habe so viel erklärt und eingebunden wie nie zuvor. Kritikerinnen und Kritiker sehen dennoch viele Projekte als zu schnell, zu wenig alltagstauglich oder zu stark von grüner Verkehrspolitik geprägt. Für die Wahl wird entscheidend sein, welche Wahrnehmung stärker ist.
Wohnen und ökologische Standards
Beim Thema Wohnen stellt Schwentner leistbare Mieten und ökologische Standards nicht gegeneinander. Sie verweist auf Sanierungen im Gemeindebau, Dämmung, Balkone und ökologische Standards bei städtischen Neubauten.
Bei Schulen und Sanierungen nennt sie Holzbauweise, Photovoltaik, Begrünung und Schutz vor Hitzeinseln. Damit versucht sie, soziale und ökologische Politik zusammenzuführen.
Ihr Argument: Leistbarer Wohnraum soll nicht billig gebaut und später teuer im Betrieb werden. Gebäude müssen so entstehen, dass sie langfristig funktionieren – für Bewohnerinnen und Bewohner, für das Klima und für die Stadt.
Koalition: Kompromisse ohne öffentlichen Streit
Zur Zusammenarbeit in der Stadtregierung sagt Schwentner, dass Koalitionen immer Kompromisse seien. Keine Partei könne sich allein durchsetzen. Die Koalition habe aber gezeigt, dass sie Diskussionen führen und am Ende Lösungen finden könne, ohne jeden Streit nach außen zu tragen.
Das ist auch eine Abgrenzung zu einem Politikstil, der stärker auf öffentliche Konflikte setzt. Schwentner will ihre Rolle über Umsetzung und Verlässlichkeit definieren. Wer zufrieden sei und wolle, dass es weitergeht, brauche starke Grüne in der Stadtregierung.
Ihr Satz „Stadt gestalten nicht verwalten“ bringt diese Linie auf den Punkt. Die Grünen sehen sich als treibende Kraft der Koalition, vor allem beim Umbau des öffentlichen Raums und bei Klimathemen.
Energie: Geothermie, PV und Energiewerk
Ein weiterer Schwerpunkt des Interviews ist Energie. Schwentner spricht über Abwärme der Marienhütte für Reininghaus, Geothermie, Photovoltaik und das Energiewerk Graz. Für sie geht es darum, die Stadt unabhängiger und leistbarer zu versorgen.
Sie stellt die Frage, welche Energieformen für die Zukunft effizient sind. Wasserkraft allein sieht sie nicht als Antwort auf die kommenden Herausforderungen. Graz müsse dort ansetzen, wo die Stadt realistische Möglichkeiten hat: Fernwärme, Abwärme, PV, Geothermie und kommunale Energieprojekte.
Auch beim Blackout-Plan verteidigt sie die bisherige Arbeit der Stadt. Entscheidend sei, dass Menschen wissen, wohin sie sich wenden können, dass kritische Infrastruktur funktioniert und dass besonders gefährdete Menschen versorgt werden.
Wirtschaft und Raumplanung
Beim Thema Wirtschaft weist Schwentner den Vorwurf zurück, die Stadtregierung habe kein offenes Ohr für Unternehmen. Sie verweist auf regelmäßigen Austausch mit Unternehmerinnen, Bauträgern, Industrievertretern und Kammern. Außerdem nennt sie Projekte wie Klimapakt und Ökoprofit.
Besonders konkret wird es beim Thema Marienhütte und heranrückende Wohnbebauung. Schwentner sagt, sensible Gebiete müsse die Stadt in Bebauungsplänen genau betrachten. Die Marienhütte treffe keine Schuld. Auch Bauträger würden im Rahmen dessen handeln, was Bebauungspläne ermöglichen. Die Stadt müsse daher künftig besser vorbeugen.
Sie nennt auch Siemens als Beispiel, wo die Stadt darauf achte, dass Wohnen nicht zu nahe an Betriebsflächen heranrückt. Damit zeigt sich: Grüne Stadtplanung bedeutet für Schwentner nicht nur Wohnbau und Grünraum, sondern auch Interessenausgleich mit bestehenden Betrieben.
Koralm und neue Chancen für Graz
Die Koralmbahn sieht Schwentner als große Chance. Sie spricht über Verbindungen zwischen Graz und Klagenfurt, wirtschaftliche Kooperationen, Kultur, Handel und Freizeit. Gleichzeitig verweist sie auf städtische Begleitprojekte wie Radwege, Bäume, Wiesen und den Lore Krainer Park im Zusammenhang mit Infrastrukturmaßnahmen.
Ihr Zugang ist hier weniger konfrontativ als bei manchen Verkehrsthemen. Sie sieht die neue Verbindung als Möglichkeit, die Städte stärker zu verschränken und neue Kooperationen entstehen zu lassen.
Für Graz wird dabei vor allem entscheidend sein, ob die Stadt Menschen gut vom Hauptbahnhof weiterverteilen kann. Genau deshalb verweist Schwentner auf Öffi-Ausbau, neue Straßenbahnen, bessere Takte und kommende Projekte wie Linie 8 und Linie 2.
Parkplätze, Fahrräder und öffentlicher Raum
Im Interview wird Schwentner auch mit konkreten Bildern zu Parkplätzen, Lieferwagen und Radwegen konfrontiert. Sie verweist darauf, dass Autos größer geworden seien und viele alte Markierungen nicht mehr zu heutigen Fahrzeugen passen. Wenn Autos in Gehsteige ragen, werde das für Rollstuhlfahrerinnen, Menschen mit Kinderwagen und Fußgänger zum Problem.
Sie erklärt, dass das Straßenamt den Stadtraum laufend anpasse, besonders wenn Straßen neu geplant werden. Das sei ein Prozess und nicht in einem Jahr vollständig erledigt.
Bei Fahrradabstellplätzen sieht sie ebenfalls Handlungsbedarf. Gebühren für Fahrräder hält sie nicht für den Kern des Problems. Wichtiger sei, gute Abstellmöglichkeiten zu schaffen. In der engen Innenstadt fehle es aber oft an geeigneten Flächen.
Stadionfrage und große Projekte
Auch zur Stadionfrage äußert sich Schwentner. Sie spricht von einer tauglichen Lösung auf dem Papier, die im Einvernehmen mit beiden Grazer Vereinen entstanden sei. Jetzt liege der Ball auch beim Land. Die Stadt brauche Unterstützung, damit das Projekt umgesetzt werden könne.
Bei der dritten Röhre für den Plabutschtunnel betont sie, dass diese kein Selbstzweck sei. Entscheidend sei, ob sie bei einer Gesamtsanierung des Tunnels eine Entlastung für die Stadt bringen könne. Damit vermeidet sie eine einfache Ja-oder-Nein-Position und ordnet das Projekt als Prüf- und Entlastungsfrage ein.
Schulen, Gewaltprävention und Integration
Zum Thema Schule spricht Schwentner über Schulsozialarbeit, gute Schulumfelder und Entlastung für Lehrerinnen und Lehrer. Nach schwierigen Jahren für Jugendliche brauche es mehr Aufmerksamkeit für das, was junge Menschen belastet.
Sie sieht hier nicht nur die Stadt in der Pflicht. Auch Land und Bund müssten Verantwortung übernehmen. Gerade bei Gewaltprävention, Integration und psychischer Belastung könne eine Kommune nicht alles allein lösen.
Trotzdem macht sie klar: Die Stadt kann Rahmenbedingungen schaffen. Dazu gehören Schulumfeld, Bewegungsräume, Schulsozialarbeit und ein genauer Blick auf Jugendliche, die Unterstützung brauchen.
Warum Schwentner wiedergewählt werden will
Am Ende des Interviews erklärt Schwentner, warum man sie wählen soll. Sie verweist auf fünf Jahre Verantwortung, Umsetzung statt leerer Versprechen, mehr Öffis, mehr Grün, mehr Parks und mehr Begegnungsräume.
Das ist die Kurzfassung ihres Wahlangebots. Sie will nicht als Verwalterin auftreten, sondern als Politikerin, die den Umbau der Stadt begonnen hat und fortsetzen will.
Was vom Interview bleibt
Das Interview zeigt Judith Schwentner als Kandidatin, die sich nicht von der Kritik an Baustellen und Verkehrspolitik wegbewegt, sondern genau diesen Kurs verteidigt. Sie sagt: Graz wächst, der Platz ist begrenzt, also muss die Stadt aktiv gestalten.
Bürgernah wirkt sie dort, wo sie über Außenbezirke, Parks, Schatten, Schulumfelder, Öffis und Nachbarschaft spricht. Politisch scharf wird das Interview dort, wo es um den Umbau des öffentlichen Raums geht. Für die einen verbessert er die Lebensqualität. Für andere bedeutet er weniger Parkplätze, mehr Konflikte und eine Stadt, die sich zu schnell verändert.
Für die Graz-Wahl 2026 lautet die zentrale Frage: Wollen die Grazerinnen und Grazer den grünen Stadtumbau fortsetzen oder erwarten sie eine Korrektur? Schwentner gibt darauf eine klare Antwort: Sie will den eingeschlagenen Weg weitergehen.
Hinweis zur Interviewreihe
Für die Grazer Gemeinderatswahl 2026 führten Inside Graz und Inside Politics – Austria eine gemeinsame Interviewreihe mit den Spitzenkandidatinnen und Spitzenkandidaten. Trotz der Namensähnlichkeit arbeiten Inside Graz und Inside Politics unabhängig voneinander. Für dieses Format kooperieren beide Redaktionen.
Im Hochformat-Video seht Ihr unseren Frageblock aus dem Interview. Das vollständige Gespräch veröffentlicht unser Kooperationspartner Inside Politics – Austria auf YouTube.
























































