Was bedeutet ein Kurswechsel im Grazer Alltag? Für Kurt Hohensinner beginnt er beim Verkehr, bei der Wirtschaft und bei der Bildung. Der ÖVP-Spitzenkandidat und Stadtrat für Bildung, Wirtschaft, Tourismus und Sport stellt im Interview mit Inside Graz und Inside Politics – Austria die Frage in den Mittelpunkt, ob Graz derzeit die richtigen Prioritäten setzt.
Seine Antwort fällt deutlich aus: Aus Sicht von Hohensinner läuft in der Stadtpolitik zu viel falsch. Er kritisiert die Verkehrspolitik der Stadtregierung, fordert mehr Unterstützung für Betriebe und will Investitionen stärker auf Schulen und Bildung konzentrieren. Gleichzeitig positioniert er sich als Kandidat, der mit fast allen Parteien über Zusammenarbeit sprechen würde, wenn sie seine drei Hauptanliegen mittragen.
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Das Interview auf einen Blick
Person: Kurt Hohensinner
Partei: ÖVP
Funktion: Stadtrat für Bildung, Wirtschaft, Tourismus und Sport
Themen: Verkehr, Wirtschaft, Bildung, Innenstadt, Sozialcard, Stadion, Sport
Politischer Konflikt: Kritik an der Stadtregierung und Anspruch auf Kurswechsel
Zentrales Ziel: Wirtschaft, Bildung und Verkehrspolitik neu ausrichten
Verkehr als erstes Signal für den Kurswechsel
Auf die Frage, welche Entscheidung er als Bürgermeister in den ersten 100 Tagen treffen würde, nennt Hohensinner sofort den Verkehr. Für ihn wäre ein neues Verkehrskonzept das sichtbare Zeichen eines politischen Kurswechsels.
Dabei geht es ihm nicht nur um Autofahrerinnen und Autofahrer. Hohensinner spricht von Park-and-Ride-Angeboten an den Stadteinfahrten, einem Parkleitsystem rund um die Altstadt, besseren Nahverkehrsknoten, durchgängigen Radwegen und einer Gehsteig-Offensive für Bezirke am Stadtrand.
Seine Botschaft lautet: Verkehrspolitik soll nicht von Ideologie, sondern von Vernunft getragen sein. Damit grenzt er sich klar von der grünen Verkehrspolitik ab. Gleichzeitig versucht er, den Vorwurf zu vermeiden, die ÖVP denke nur ans Auto. Er spricht ausdrücklich davon, alle Verkehrsteilnehmer im Blick haben zu wollen.
Für viele Grazerinnen und Grazer wird dieser Punkt im Alltag schnell konkret: Wie komme ich in die Innenstadt? Gibt es Parkplätze? Funktionieren Öffis und Umstiegspunkte? Sind Radwege durchgängig? Gibt es in den Außenbezirken sichere Gehsteige?
Marburger Straße als Symbol
Besonders scharf kritisiert Hohensinner die Verkehrsplanung am Beispiel der Marburger Straße. Für ihn steht sie exemplarisch für eine Politik, die nach einem Umbau mehr Probleme schafft als vorher.
Er spricht von einer Umsetzung, die aus seiner Sicht nicht notwendig gewesen sei, und macht dafür nicht nur die zuständige Vizebürgermeisterin verantwortlich, sondern auch die Bürgermeisterin. Seine Argumentation: Wenn eine Maßnahme sichtbar nicht funktioniert, müsse die Stadtspitze Verantwortung übernehmen.
Damit macht Hohensinner Verkehr zum zentralen Angriffspunkt gegen die Stadtregierung. Der Konflikt ist klar: Die aktuelle Koalition sieht Stadtumbau als notwendige Veränderung. Hohensinner sieht darin an mehreren Stellen Fehlplanung, Kosten und Belastung für Bürgerinnen, Bürger und Betriebe.
Bildung statt Prestigeprojekte
Beim Thema Finanzen spricht Hohensinner von Strukturreformen und Einsparungen im System. Er will bei Doppelgleisigkeiten, Verwaltung und aus seiner Sicht falsch priorisierten Projekten ansetzen. Das frei werdende Geld soll vor allem in Bildung fließen.
Besonders deutlich wird seine Kritik bei den Schulprojekten. Er wirft der Bürgermeisterin und der Vizebürgermeisterin vor, vier Schulprojekte gestoppt zu haben, die aus seiner Sicht bereits zur Umsetzung vorgesehen waren. Gleichzeitig verweist er auf andere Großprojekte, bei denen die Stadt Geld einsetze.
Für Hohensinner ist das eine Frage der Priorität: Kinder und Schulen sollen nicht als Kostenfaktor gesehen werden, sondern als Zukunftsinvestition. Damit knüpft er an sein eigenes Ressortprofil an. Bildung ist für ihn eines der Themen, mit denen die ÖVP in Graz wieder stärker wahrgenommen werden will.
Wirtschaft als Grundlage für die Stadt
Ein zweiter Schwerpunkt des Interviews ist die Wirtschaft. Hohensinner wirft der Stadtregierung eine wirtschaftsfeindliche Politik vor. Er kritisiert unter anderem, dass die Wirtschaftsförderung aus seiner Sicht gekürzt wurde und Unternehmerinnen und Unternehmer lange auf Termine warten müssten.
Sein Gegenangebot besteht aus mehreren Punkten: Graz brauche eine stärkere Betriebsansiedlung, mehr Aufmerksamkeit für Start-ups, ein besseres Citymanagement und eine Innenstadt, die für alle Verkehrsteilnehmer erreichbar bleibt.
Dabei stellt Hohensinner Wirtschaft nicht als Gegenthema zum Sozialen dar. Im Gegenteil: Er argumentiert, dass ein starker Wirtschaftsstandort die Grundlage für Arbeitsplätze, Lehrstellen, Kommunalsteuer und damit auch für eine soziale Stadt sei.
Für die Grazerinnen und Grazer bedeutet diese Debatte mehr als abstrakte Standortpolitik. Es geht um Geschäftsflächen, Nahversorgung, Arbeitsplätze, Lehrstellen, Frequenz in der Innenstadt und die Frage, ob Betriebe in Graz bleiben oder ins Umland ausweichen.
Innenstadt: Mehr Frequenz und besseres Citymanagement
Beim Thema Innenstadt fordert Hohensinner ein Gesamtkonzept. Er spricht über den Lebensraum Mur, über zusätzliche Frequenz in der Innenstadt und über ein Citymanagement, das diesen Namen auch verdiene.
Sein Vergleich ist bewusst zugespitzt: In Einkaufszentren kümmere sich ein deutlich größeres Team darum, Geschäfte anzusiedeln und Kundschaft anzuziehen. Für die Innenstadt brauche Graz aus seiner Sicht mehr professionelle Aufmerksamkeit.
Außerdem fordert er, dass die Innenstadt für alle erreichbar bleibt, auch mit dem Auto. Dieser Punkt passt zu seinem Verkehrsbild: Er will nicht einzelne Gruppen gegeneinander stellen, sondern die Innenstadt als Wirtschafts- und Aufenthaltsraum stärken.
Sozialcard: Hilfe zielgenauer ausrichten
Auch bei der Sozialcard spricht Hohensinner von Reformbedarf. Er kritisiert, dass Leistungen zu breit verteilt würden. Stattdessen will er, dass Unterstützungen wieder stärker beantragt und gezielter vergeben werden.
Seine Linie lautet: Jene Menschen, die Hilfe wirklich brauchen, sollen sie bekommen. Gleichzeitig soll die Stadt verhindern, dass zu viel Geld nach dem Gießkannenprinzip ausgegeben wird.
Politisch ist das ein klarer Unterschied zur sozialpolitischen Linie der KPÖ-geführten Stadtregierung. Während die Koalition soziale Leistungen breit absichern will, setzt Hohensinner auf stärkere Zielgenauigkeit und Kontrolle.
Stadion und Sport: „Nägel mit Köpfen“
Als Sportstadtrat spricht Hohensinner ausführlich über das Stadion. Er kritisiert, dass die Stadtspitze aus seiner Sicht seit Jahren zu wenig vorangebracht habe. Für ihn braucht Graz eine realistische Lösung für ein Champions-League-taugliches Stadion.
Dabei betont er, dass Stadt und Land gemeinsam handeln müssten. Die Stadionfrage soll aus seiner Sicht nicht weiter verzögert werden. Er wirft der aktuellen Stadtregierung vor, Versprechen gemacht, aber keine Umsetzung geliefert zu haben.
Gleichzeitig erweitert Hohensinner den Blick auf den gesamten Sport. Er spricht über Breitensport, Nachwuchs, Hallen, Sportstätten und Vereine. Sport sei nicht nur gesund, sondern auch sozial wichtig. Gerade deshalb sieht er Kürzungen oder fehlende Unterstützung in diesem Bereich kritisch.
Sicherheit und Schulen
Beim Thema Schulen spricht Hohensinner auch über Sicherheit. Nach dem Amoklauf in Graz betont er, dass Schulen größtmögliche Sicherheit brauchen. Er verweist auf ein Pilotprojekt mit Schließsystemen und Alarmierung an einzelnen Schulen.
Gleichzeitig spricht er über Schulsozialarbeit, Prävention und Unterstützung für Jugendliche. Damit verbindet er technische Sicherheitsmaßnahmen mit pädagogischer und sozialer Arbeit.
Auch Migration und Sprache werden im Interview angesprochen. Hohensinner sieht Schulen teilweise überfordert und fordert einen stärkeren Fokus auf Spracherwerb. Besonders klar positioniert er sich gegen Parallelgesellschaften.
Raumplanung: Platz für Wohnen und Industrie
Ein weiterer Punkt ist die Frage, wie Graz mit Industrie und Wohnbau umgehen soll. Hohensinner fordert ein klares Signal für die Industrie. Betriebe seien wichtige Arbeitgeber und dürften nicht durch Stadtentwicklung in ihrer Zukunft gefährdet werden.
Damit greift er eine Debatte auf, die in Graz immer wieder auftaucht: Was passiert, wenn Wohnbau an bestehende Betriebe heranrückt? Wie schützt man Lebensqualität, ohne Arbeitsplätze zu gefährden? Und wie verhindert die Stadt, dass Industrie aus Graz verdrängt wird?
Für Hohensinner braucht es hier eine deutlich wirtschaftsfreundlichere Raumplanung. Wohnen sei wichtig, aber Graz müsse auch Arbeitgeber und Industriebetriebe wertschätzen.
Koalitionsfrage: Keine Partei vorschnell ausschließen
Auf die Frage nach einer möglichen Koalition mit der KPÖ legt sich Hohensinner nicht auf einen Ausschluss fest. Zuerst müsse gewählt werden. Danach komme es darauf an, welche Partei seine drei Anliegen mittrage: Wirtschaft, Bildung und Verkehrspolitik für alle Verkehrsteilnehmer.
Das ist politisch bemerkenswert. Hohensinner grenzt sich inhaltlich scharf von der Stadtregierung ab, hält sich aber bei der Koalitionsfrage offen. Damit signalisiert er Regierungswillen, ohne sich vor der Wahl festzulegen.
Was vom Interview bleibt
Das Interview zeigt Kurt Hohensinner als Kandidaten, der den Begriff Kurswechsel mit drei großen Themen füllt: Verkehr, Wirtschaft und Bildung. Bürgernah wird er dort, wo er über konkrete Alltagsfragen spricht: Parken, Baustellen, Schulprojekte, Innenstadt, Sportstätten, Sicherheit und Betriebe.
Seine stärkste politische Linie ist die Kritik an der Stadtregierung. Er wirft ihr falsche Prioritäten, schlechte Verkehrsplanung, zu wenig Wirtschaftsnähe und mangelnde Umsetzung beim Stadion vor. Gleichzeitig versucht er, die ÖVP nicht nur als Gegenpol zu Grün und KPÖ zu positionieren, sondern als Kraft, die Graz wieder handlungsfähiger machen will.
Offen bleibt, wie weit sich seine vielen Projekte mit der angespannten Finanzlage der Stadt vereinbaren lassen. Hohensinner spricht von Strukturreformen und Einsparungen im System. Für die Wahl wird entscheidend sein, ob die Wählerinnen und Wähler ihm zutrauen, daraus tatsächlich Spielraum für Bildung, Wirtschaft, Verkehr und Sport zu schaffen.
Für die Graz-Wahl 2026 lautet die zentrale Frage: Wollen die Grazerinnen und Grazer den Kurs der aktuellen Stadtregierung fortsetzen oder setzen sie auf jenen Kurswechsel, den Kurt Hohensinner verspricht?
Hinweis zur Interviewreihe
Für die Grazer Gemeinderatswahl 2026 führten Inside Graz und Inside Politics – Austria eine gemeinsame Interviewreihe mit den Spitzenkandidatinnen und Spitzenkandidaten. Trotz der Namensähnlichkeit arbeiten Inside Graz und Inside Politics unabhängig voneinander. Für dieses Format kooperieren beide Redaktionen.
Im Hochformat-Video seht Ihr unseren Frageblock aus dem Interview. Das vollständige Gespräch von unserem Kooperationspartner Inside Politics – Austria ist hier zu sehen:

























































