Was bedeutet soziale Stadtpolitik im Grazer Alltag? Für Elke Kahr beginnt sie dort, wo Menschen konkrete Sicherheit brauchen: beim Wohnen, bei der Mobilität, bei öffentlichen Angeboten, in den Bezirken und bei der Frage, ob die Stadt auch in schwierigen Zeiten handlungsfähig bleibt.
Im Interview mit Inside Graz und Inside Politics – Austria verteidigt die Grazer Bürgermeisterin ihre Bilanz, spricht über Budgetdruck, Investitionen, Wirtschaft, Verkehr, Parken, Stadionfrage und politische Kultur. Dabei zeigt sich eine Kandidatin, die ihren Kurs nicht grundsätzlich korrigieren will. Nur bei einem Thema räumt sie ein, dass es schneller hätte gehen müssen: beim Stadion.
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Das Interview auf einen Blick
Person: Elke Kahr
Partei: KPÖ
Funktion: Bürgermeisterin von Graz
Themen: Soziales, Budget, Investitionen, Wirtschaft, Verkehr, Parken, Stadion, Bezirke
Politischer Konflikt: Bilanz der KPÖ-geführten Stadtregierung und Kritik der Opposition
Zentrales Angebot: soziale Politik, Investitionen in die Daseinsvorsorge und verlässliche Haltung
Die Person vor der Partei
Kahr wird im Interview direkt darauf angesprochen, dass sie persönlich beliebter sei als ihre Partei. Sie sieht darin kein ungewöhnliches Phänomen. Gerade in der Kommunalpolitik würden handelnde Personen oft stärker wahrgenommen als Parteien.
Ihre Erklärung ist naheliegend: Sie ist seit Jahrzehnten politisch aktiv, kennt viele Menschen persönlich und verbindet ihre Arbeit stark mit direktem Kontakt. Wer in Graz die KPÖ wahrnimmt, soll diese Partei aus ihrer Sicht auch mit ihrer Person verbinden.
Damit bleibt Kahr der wichtigste politische Faktor ihrer Partei. Das ist Stärke und Risiko zugleich. Ihre Bekanntheit, ihr persönlicher Stil und ihre Glaubwürdigkeit tragen die KPÖ in Graz. Gleichzeitig hängt viel an der Frage, ob diese Form von Politik über ihre Person hinaus funktioniert.
Ist Graz sozialer geworden?
Auf die Frage, ob Graz unter ihrer Führung sozialer geworden sei oder nur soziale Härten besser abfedere, antwortet Kahr klar: Dort, wo die Stadt Einfluss habe, sei Graz sozialer geworden.
Sie verweist auf jene Bereiche, die eine Kommune direkt gestalten kann: soziale Leistungen, Gemeindewohnungen, Kinderbetreuung, Schulen, Feuerwehr, öffentliche Infrastruktur, Kanal, Spielplätze und Daseinsvorsorge. Für Kahr sind diese Investitionen kein Gegensatz zur Wirtschaft, sondern auch Unterstützung für lokale Betriebe.
Ihr Grundsatz lautet: Wenn das Budget knapper wird, muss die Stadt zuerst dort investieren, wo die Allgemeinheit etwas davon hat. Das ist der Kern ihrer politischen Bilanz. Nicht jedes Wunschprojekt ist möglich. Aber die Pflichtaufgaben der Stadt sollen abgesichert bleiben.
Stadionfrage als einziger selbstkritischer Punkt
Eine der stärksten Stellen im Interview kommt früh. Auf die Frage, welche Maßnahme ihre Regierung heute anders machen würde, antwortet Kahr sinngemäß: keine, außer die Stadionfrage.
Sie sagt, man habe zu lange darauf vertraut, dass der Stadionausschuss schneller zu einer Lösung komme. Dass viele Varianten geprüft werden mussten, hält sie für nachvollziehbar. Trotzdem hätte sie sich eine raschere Entscheidung gewünscht.
Damit benennt Kahr einen der sichtbarsten offenen Konflikte dieser Periode. Die Stadionfrage betrifft nicht nur Fußballfans, sondern auch Budget, Sportpolitik, Stadtentwicklung und das Verhältnis zwischen Stadt, Vereinen und Land. Ihre Aussage ist deshalb politisch relevant: Sie räumt keinen grundsätzlichen Kursfehler ein, aber eine Verzögerung bei einem emotionalen Großthema.
Sparen, aber nicht auf Kosten der Allgemeinheit
Beim Budget setzt Kahr auf eine klare Linie. Investitionen, Sozialleistungen und Verwaltung will sie nicht gegeneinander ausspielen. Für sie brauche es alle drei Bereiche, damit die Stadt funktioniert.
Sie argumentiert, dass Investitionen in öffentliche Infrastruktur mehreren Gruppen nützen: der Bevölkerung, der lokalen Wirtschaft und der langfristigen Entwicklung der Stadt. Dazu zählt sie etwa Kinderbetreuung, Schulen, Feuerwehr, Gemeindewohnungen und öffentliche Verkehrsmittel.
Gleichzeitig sagt sie offen, dass die Stadt in den kommenden Jahren nicht im gleichen Ausmaß investieren könne wie bisher. Neue Projekte müssten daher stärker geprüft werden. Was sie ausschließt: Kürzungen, die auf Kosten der Allgemeinheit gehen. In ihren Zuständigkeitsbereichen will sie keine Leistungskürzungen.
Für Grazerinnen und Grazer wird dieser Punkt im Alltag konkret. Es geht um Öffis, Bäder, Schulen, Wohnen, Sozialleistungen und Gebühren. Kahr versucht hier, soziale Stabilität mit finanzieller Vorsicht zu verbinden.
Wirtschaft: Kein Gegensatz zur KPÖ
Ein wichtiger Moment im Interview ist die Frage nach Menschen, die Kahr sympathisch finden, ihrer Partei aber wirtschaftspolitisch nicht vertrauen. Kahr weist dieses Bild zurück. Die Vorstellung, die KPÖ habe nichts für Wirtschaft übrig, bezeichnet sie als Erzählung politischer Mitbewerber.
Ihr Argument: Die KPÖ komme historisch aus der Arbeiterbewegung und habe gerade deshalb großes Interesse daran, dass Industrie, Gewerbe und Handel funktionieren. Denn dort würden Arbeitsplätze entstehen und Einkommen gesichert.
Damit versucht Kahr, die klassische Kritik an der KPÖ zu entschärfen. Sie stellt Wirtschaft nicht als Gegner sozialer Politik dar, sondern als Teil eines Wechselspiels. Wenn Menschen gut behandelt werden und Betriebe funktionieren, profitiere auch die Stadt.
Gleichzeitig bleibt ihre Priorität klar: Wirtschaftspolitik darf nicht auf Kosten der Lebensqualität gehen. Für sie ist die Qualität des Lebens in Graz auch Standortpolitik.
Nachverdichtung mit Grenzen
Beim Thema Stadtentwicklung spricht sich Kahr nicht gegen jede Verdichtung aus. Baulücken und Ergänzungen in bestehenden Straßenzügen sieht sie als mögliche Flächen. Gleichzeitig lehnt sie eine dichte Erhöhung um jeden Preis ab.
Besonders kritisch wird sie, wenn Investoreninteressen dominieren oder der Altstadtschutz leidet. Damit positioniert sie sich gegen eine Stadtentwicklung, die nur auf mehr Baumasse setzt. Graz soll wachsen können, aber nicht auf Kosten von Lebensqualität, Stadtbild und Schutzinteressen.
Das ist ein bürgernaher Punkt, weil er viele Bezirke betrifft. Verdichtung entscheidet darüber, wie Straßen aussehen, wie viel Grün bleibt, wie viel Verkehr entsteht und wie sich Nachbarschaften verändern.
Mehr Blick auf alle 17 Bezirke
Auf die Frage, welches Problem außerhalb der Innenstadt zu wenig beachtet werde, lenkt Kahr den Blick auf alle 17 Grazer Bezirke. Die Innenstadt sei touristisch und wirtschaftlich wichtig. Für die Menschen, die in Graz leben und arbeiten, müsse aber jeder Bezirk funktionieren.
Sie wünscht sich mehr Aufmerksamkeit für Bezirksgeschichte, Entwicklung, Identität und Nachbarschaft. Politik soll nicht nur auf die Innenstadt schauen, sondern auf das tägliche Leben in den Stadtteilen.
Das passt zu ihrem Selbstbild. Kahr beschreibt sich als jemand, der Graz über viele Jahre und Bezirke kennengelernt hat. Nicht ein einzelner Lieblingsort steht für sie im Vordergrund, sondern die vielen Ecken, Innenhöfe, Plätze und Nischen der Stadt.
Öffentlicher Raum und Respekt
Beim öffentlichen Raum nennt Kahr weniger ein einzelnes Regelproblem als eine Haltung: Sie wünscht sich mehr Respekt gegenüber dem Stadtraum. Wer Müll wegwirft oder Allgemeingut beschädigt, belaste am Ende alle.
Hier wird ihre Politik bürgernah und alltagsnah. Es geht nicht um große ideologische Fragen, sondern um die einfache Frage, wie Menschen mit dem gemeinsamen Raum umgehen. Kahr verbindet das mit ihrem Grundsatz „leben und leben lassen“. Freiheit brauche aber Rücksicht.
Verkehr, Parken und Park-and-Ride
Beim Verkehr versucht Kahr, zwischen unterschiedlichen Bedürfnissen zu unterscheiden. Sie verteidigt die Grundrichtung, mehr Menschen in den öffentlichen Verkehr zu bringen, sieht aber auch, dass manche auf das Auto angewiesen sind.
Beim Parken sagt sie klar: In der Innenstadt werde man nicht einfach mehr Parkraum schaffen können. Der vorhandene Platz müsse auch den Menschen dienen, die dort wohnen. Gleichzeitig brauche es Behindertenparkplätze, Ladezonen und Möglichkeiten für Menschen, die beruflich oder wegen großer Einkäufe auf das Auto angewiesen sind.
Für Pendlerinnen und Pendler sieht Kahr Park-and-Ride-Angebote am Stadtrand als wichtigen Hebel. Diese müssten aber mit schnellen und verlässlichen Öffi-Verbindungen verbunden sein. Sonst bleibe das Auto bis in die Stadt hinein attraktiver.
Dazu zählt sie auch eigene Busspuren und eine bessere Beschleunigung des öffentlichen Verkehrs. Gerade hier zeigt sich der Zielkonflikt: Mehr Platz für Öffis bedeutet oft weniger Platz für andere Nutzungen. Für Kahr führt daran langfristig aber kein Weg vorbei, wenn Graz Verkehr wirklich entlasten will.
Gratis-Öffis: Wünschenswert, aber unrealistisch
Interessant ist Kahrs Antwort auf die Frage nach gratis Öffis. Grundsätzlich würde eine KPÖ-Politikerin kostenlose öffentliche Verkehrsmittel positiv sehen. Für Graz hält sie diese Forderung derzeit aber für unrealistisch.
Sie argumentiert, dass die Stadt den öffentlichen Verkehr zu 100 Prozent finanzieren müsste, solange es keine anderen Rahmenbedingungen gibt. Stattdessen verweist sie auf bestehende Entlastungen wie die städtische Unterstützung für das Klimaticket und die Mobilitätskarte für Menschen mit niedrigerem Einkommen.
Das zeigt einen pragmatischen Punkt in ihrem Interview: Kahr formuliert nicht jede wünschenswerte Maßnahme als sofortiges Versprechen. Sie versucht zwischen politischem Wunsch und finanzieller Realität zu unterscheiden.
Politische Kultur statt Show
Ein großer Teil des Gesprächs dreht sich um soziale Medien, Zuspitzung und politische Kommunikation. Kahr beschreibt sich selbst als skeptisch gegenüber einer Politik, die sich zu stark nach Algorithmen richtet.
Sie nutzt soziale Medien zurückhaltend und sagt, sie wolle nicht jeden Schritt öffentlich kommentieren. Besonders kritisch sieht sie Formate, die komplexe Fragen auf Ja oder Nein verkürzen. Politik, vor allem Kommunalpolitik, brauche Sachkenntnis und Beschäftigung mit Details.
Auch Angriffe im Wahlkampf kommentiert sie grundsätzlich. Sie wolle andere nicht verächtlich machen oder persönlich abwerten. Politisch besser werde man nicht dadurch, dass man andere schlecht mache. Stattdessen müsse man selbst zeigen, wofür man steht.
Damit setzt Kahr auf ein Gegenbild zur lauten Wahlkampfkommunikation. Ob das in einem digitalen Wahlkampf reicht, ist eine offene Frage. Für ihr eigenes Profil ist es aber konsequent.
Koalitionen und Zusammenarbeit
Auf die Frage nach einer möglichen Zusammenarbeit mit der ÖVP und Kurt Hohensinner schließt Kahr keine Zusammenarbeit grundsätzlich aus. Vor der Wahl werde hart gekämpft, danach könne sich manches wieder setzen. Budgetpartnerschaften oder Zusammenarbeit seien grundsätzlich mit allen möglich.
Trotz klarer inhaltlicher Unterschiede hält Kahr damit die Gesprächsebene offen und bleibt bleibt so bei einem kommunalpolitischen Zugang: Nach der Wahl muss der Gemeinderat Mehrheiten finden, besonders beim Budget und bei großen Projekten.
FPÖ-Finanzskandal und Stadtinteressen
Zum FPÖ-Finanzskandal sagt Kahr, dass die Stadt als mögliche Geschädigte die nötigen Schritte gesetzt habe. Sie verweist auf Magistratsdirektion, Präsidialamt und Rechtsabteilung. Die Stadt müsse ihre Interessen wahren und Schaden geltend machen.
Gleichzeitig äußert sie Unverständnis darüber, wie lange solche Verfahren dauern können. Beim Thema Parteiwechsel wird sie grundsätzlich: Sie zeigt sich skeptisch gegenüber Politikerinnen und Politikern, die wiederholt die Partei wechseln. Für Kahr geht es dabei um Haltung und Verlässlichkeit.
Energie und neue Projekte
Beim Thema Energie verweist Kahr auf den Austausch mit der Energie Graz und darauf, dass Entlastungen an Kundinnen und Kunden weitergegeben werden sollen. Gleichzeitig betont sie die Notwendigkeit, unabhängiger zu werden. Deshalb steht sie zum Energiewerk Graz.
Bei neuen Förderprojekten zeigt sie sich vorsichtig. Gerade bei knapperen Budgets könne die Stadt nicht ständig neue Dinge beginnen, wenn sie bestehende wichtige Projekte absichern müsse. Das betrifft aus ihrer Sicht Wirtschaftsprojekte ebenso wie Sozialprojekte.
Warum Kahr wiedergewählt werden will
Am Ende des Interviews soll Kahr in kurzer Form erklären, warum Menschen ihr am 28. Juni ihr Vertrauen geben sollen. Ihre Antwort ist knapp: weil sie ihren Überzeugungen treu geblieben sei und die Menschen sie am Tag nach der Wahl so vorfinden würden wie davor.
Das ist die kürzeste, aber vielleicht zentrale Aussage des Interviews. Kahr verspricht keinen radikalen Neustart. Sie verspricht Verlässlichkeit, Haltung und Kontinuität.
Was vom Interview bleibt
Das Interview zeigt Elke Kahr als Bürgermeisterin, die ihre Politik über soziale Verantwortung, persönliche Glaubwürdigkeit und kommunale Pflichtaufgaben definiert. Sie will nicht mit großen neuen Versprechen in die Wahl gehen, sondern mit dem Anspruch, das Bestehende abzusichern und weiterzuführen.
Stark wirkt sie dort, wo sie Alltag und Budget zusammenbringt: bei Öffis, Bädern, Gemeindewohnungen, Bezirken, Park-and-Ride, Sozialleistungen und öffentlicher Infrastruktur. Kritisch bleibt die Stadionfrage, die sie selbst als Punkt nennt, der schneller hätte gelöst werden sollen.
Für die Graz-Wahl 2026 lautet die zentrale Frage: Wollen die Grazerinnen und Grazer Kontinuität mit Elke Kahr oder erwarten sie nach fünf Jahren KPÖ-geführter Stadtregierung einen deutlicheren Wechsel? Kahr setzt auf Beständigkeit. Ihre Botschaft ist nicht laut, aber klar: Sie will so bleiben, wie die Menschen sie kennen.
Hinweis zur Interviewreihe
Für die Grazer Gemeinderatswahl 2026 führten Inside Graz und Inside Politics – Austria eine gemeinsame Interviewreihe mit den Spitzenkandidatinnen und Spitzenkandidaten. Trotz der Namensähnlichkeit arbeiten Inside Graz und Inside Politics unabhängig voneinander. Für dieses Format kooperieren beide Redaktionen.
Im Hochformat-Video seht Ihr unseren Frageblock aus dem Interview. Das vollständige Gespräch veröffentlichte unser Kooperationspartner Inside Politics – Austria hier:

























































