Wenige Tage vor der Grazer Gemeinderatswahl bekam der Wahlkampf noch einmal eine große Bühne. Der ORF widmete der Wahl in der steirischen Landeshauptstadt am Dienstagabend ein „ZIB Talk Spezial“ am 23. Juni 2026 unter dem Titel „Graz wählt: Dunkelrote Stadt in blauem Land“. Moderator Stefan Lenglinger diskutierte mit den Spitzenkandidat:innen der sieben im Gemeinderat vertretenen Parteien über Schulden, Verkehr, Wohnen, Sicherheit und mögliche Mehrheiten nach der Wahl.
Der große Rahmen war bewusst über Graz hinaus gesetzt: Eine von der KPÖ geführte Stadt in einem von der FPÖ regierten Bundesland – diese politische Konstellation macht die Grazer Gemeinderatswahl auch bundespolitisch interessant. Mehr als 225.000 Grazerinnen und Grazer sind aufgerufen, den Gemeinderat neu zu wählen. Damit stellt sich am Sonntag nicht nur die Frage, ob Elke Kahr ihren Grazer Sonderweg fortsetzen kann. Ebenso offen ist, ob sich neue politische Mehrheiten ergeben.
Kahr und Hohensinner prägten die Sendung
In der Runde standen besonders Elke Kahr und Kurt Hohensinner im Mittelpunkt. Der ÖVP-Spitzenkandidat griff die Bilanz der Stadtregierung mehrfach frontal an. Er nannte unter anderem Verkehr, Stadionfrage, Innenstadt, Kinderbetreuung und die Finanzen als ungelöste Probleme. Seine Botschaft blieb klar: Graz brauche einen Richtungswechsel.
Elke Kahr verteidigte dagegen die Arbeit der vergangenen Jahre. Sie verwies auf Investitionen in Schulen, Kinderbetreuung, Gemeindewohnungen, öffentliche Infrastruktur und soziale Angebote. Bei Kritik an ihrer Regierung wirkte die Bürgermeisterin jedoch angespannter als in manchen bisherigen Auftritten. Besonders in den direkten Antworten auf Hohensinner entstand der Eindruck, dass die Auseinandersetzung auch auf persönlicher Ebene Spuren hinterlässt.
Gerade deshalb bleibt eine Frage nach der Sendung besonders spannend: Könnten Kahr und Hohensinner nach einem entsprechenden Wahlergebnis tatsächlich wieder auf einer politischen und persönlichen Ebene zusammenarbeiten? Die ÖVP wirbt zwar mit dem Richtungswechsel, schloss Gespräche mit der KPÖ aber nicht vollständig aus. Genau diese offene Tür könnte nach dem Wahltag noch wichtig werden.
Koalitionsfrage brachte Bewegung in die Runde
Einer der stärksten Momente des Abends war die Frage nach möglichen Koalitionen. KPÖ, Grüne und SPÖ signalisierten grundsätzlich, dass sie die bisherige Mitte-links-Koalition fortsetzen wollen. Doris Kampus machte allerdings klar, dass die SPÖ künftig mehr Gewicht haben möchte. Sie will nicht nur Teil der Koalition sein, sondern auch mit einem eigenen Sitz in der Stadtregierung Verantwortung übernehmen.
Judith Schwentner verteidigte den gemeinsamen Kurs der vergangenen Jahre und positionierte sich als sachliche Stimme in der Runde. Sie sprach über Grünraum, Rad- und Gehwege, Öffi-Ausbau und Lebensqualität in den Stadtvierteln. Gleichzeitig blieb klar: Gerade ihre Verkehrspolitik ist einer der stärksten Angriffspunkte der Opposition.
Kurt Hohensinner blieb in der Koalitionsfrage vorsichtig. Er schloss ein Arbeitsübereinkommen mit der KPÖ nicht völlig aus, knüpfte es aber an zentrale ÖVP-Forderungen wie bessere Bildung, eine stärkere Wirtschaft und ein Gesamtverkehrskonzept. Diese Position verschafft der ÖVP Spielraum, macht den Richtungswechsel-Wahlkampf aber angreifbar.
Winter attackierte FPÖ und NEOS
Auffällig war auch der Auftritt von Michael Winter. Der KFG-Spitzenkandidat nutzte die Sendung für markige Angriffe – nicht nur gegen die FPÖ, sondern auch direkt gegen Philip Pointner von den NEOS. Winter stellte sich als konsequenter Gegner der bisherigen linken Mehrheit dar und forderte eine bürgerliche Koalition.
Gleichzeitig griff er die FPÖ in Graz scharf an. Hintergrund waren der frühere Finanzskandal der Partei und aktuelle Vorwürfe rund um antisemitische Postings von Kandidaten. René Apfelknab versuchte, die FPÖ als neu aufgestellte und gestärkte Kraft zu präsentieren. Winter widersprach deutlich und zeichnete ein ganz anderes Bild der Grazer Freiheitlichen.
Pointner blieb sachlich, aber zurückhaltend
Philip Pointner setzte im Talk vor allem auf Finanzen, Kontrolle und Bildung. Er sprach über den Schuldenstand der Stadt, Einsparungen in der Verwaltung, Kürzungen bei Parteien- und Klubförderung sowie eine stärkere Bildungsoffensive. Inhaltlich passte das zu seiner bisherigen Linie im Wahlkampf.
Trotzdem dominierte Pointner die Runde nicht. Im Vergleich zu Kahr, Hohensinner oder Winter wirkte er zurückhaltender. Seine Stärke lag weniger in der Zuspitzung als in der sachlichen Argumentation. Ob das im TV-Format reicht, um hängen zu bleiben, ist eine andere Frage.
Schwentner als Ruhepol unter Druck
Judith Schwentner versuchte, sich als ruhige und aufgeklärte Stimme zu positionieren. Vor allem beim Verkehr erklärte sie, dass Graz stark wachse, der öffentliche Raum aber nicht mitwachse. Daraus leitete sie ihre Forderung ab, Platz fairer auf Fußwege, Radwege, Öffis und Autos zu verteilen.
Die Opposition ließ ihr diese Rolle jedoch nur begrenzt. Besonders Hohensinner, Apfelknab und Winter machten die Verkehrspolitik der vergangenen Jahre zu einem zentralen Angriffspunkt. Damit zeigte sich: Mobilität in Graz bleibt eines der emotionalsten Themen dieser Wahl.
Wenig völlig Neues, aber neue Schärfe
Wer unsere Interviews, Videos und bisherigen Wahlauftritte der Kandidat:innen verfolgt hat, hörte inhaltlich wenig völlig Neues. Die Positionen waren großteils bekannt: KPÖ, Grüne und SPÖ verteidigen ihre Regierungsarbeit, die ÖVP fordert einen Kurswechsel, die FPÖ setzt auf Sicherheit und Verkehr, die NEOS auf Finanzen und Bildung, die KFG auf den Bruch mit der bisherigen Mehrheit.
Neu war jedoch die direkte Konfrontation. Moderator Stefan Lenglinger hakte mehrfach nach, ließ Ausweichmanöver nur begrenzt durchgehen und brachte die Kandidat:innen dadurch stärker in Reibung miteinander. Genau das machte die Sendung interessant.
Am Ende zeigte der ZIB Talk vor allem Rollenbilder: Elke Kahr als Bürgermeisterin unter Druck, Kurt Hohensinner als Herausforderer mit offener Koalitionstür, Judith Schwentner als Verteidigerin des grünen Kurses, Doris Kampus als SPÖ-Stimme für Gesundheit und Pflege, René Apfelknab als FPÖ-Neustartversuch, Philip Pointner als sachlicher Kontrolleur und Michael Winter als scharfer Störfaktor.
Für Graz bleibt damit die Frage vor dem Wahlsonntag: Bestätigen die Wähler:innen den bisherigen Sonderweg – oder öffnen sie die Tür für neue Mehrheiten?
Auf ORF ON ist die Sendung ZIB Talk Spezial hier zu sehen


























































