Das Dach von Kastner & Öhler gehört zu den sichtbarsten offenen Themen in der Grazer Innenstadt. Seit der großen Neueröffnung des Kaufhauses im Jahr 2010 diskutiert Graz darüber, wann die Dachlandschaft endgültig an das historische Stadtbild angepasst wird. Beim Gespräch im Presseclub mit Elke Kahr, Judith Schwentner und Doris Kampus kam das Kastner-Dach erneut zur Sprache.
Ein Teilnehmer stellte die Frage: Was werde man wohl früher erleben – den Stadionbau oder die Fertigstellung des Dachs auf dem Kastner-Gebäude?
Kastner-Dach sorgt seit 2010 für Diskussionen
Kastner & Öhler eröffnete das umgebaute Stammhaus in Graz im Jahr 2010 neu. Schon damals stand fest, dass die sichtbare Dachverkleidung nicht die endgültige Lösung sein sollte. Laut früheren Medienberichten sollte die Dachlandschaft später eine an die Umgebung angepasste Oberfläche bekommen. In der öffentlichen Debatte ging es dabei immer wieder um einen Bronze-Ton, der sich besser in die Grazer Dachlandschaft einfügen sollte.
Die Kleine Zeitung zeichnete in einer Chronologie nach, dass das Projekt bereits seit Mitte der 2000er-Jahre als besonders heikel galt. Grund dafür war die Lage mitten im historischen Zentrum. Die Grazer Altstadt gehört seit 1999 zum UNESCO-Welterbe. Gerade die Dachlandschaft spielt dabei eine wichtige Rolle. Schon früh stand die Sorge im Raum, dass das unfertige Dach dem internationalen Ansehen des Grazer Welterbes schaden könnte.
Warum die Stadt nicht einfach eine Frist setzen kann
Im Presseclub erklärte Elke Kahr, warum die Stadt aus ihrer Sicht nicht einfach durchgreifen kann. Die Stadt habe sich mit den rechtlichen Möglichkeiten beschäftigt. Der entscheidende Punkt: Nach der bisherigen Rechtsauslegung enthält das steiermärkische Baugesetz keine wirksame Frist, mit der die Stadt die Fertigstellung erzwingen kann.
Genau diese Rechtslage spielte bereits früher eine große Rolle. Die Stadt wollte laut Medienberichten im Jahr 2019 eine Fertigstellung binnen einer bestimmten Frist erreichen. Kastner & Öhler wehrte sich dagegen. Am Ende gab das Höchstgericht dem Unternehmen recht. Die Stadt konnte aus dem Baurecht heraus keine Fertigstellungsfrist erzwingen.
Damit liegt der Kern des Problems offen. Viele Grazerinnen und Grazer fragen sich, warum ein derart sichtbares Thema so lange ungelöst bleibt. Gleichzeitig besitzt die Stadt keinen einfachen Hebel, um die Fertigstellung anzuordnen.
Welterbe erschwert Lösung für Kastner-Dach
Judith Schwentner verwies in dem Gespräch vor allem auf den Blick vom Schlossberg und den Welterbe-Aspekt. Gerade von oben sieht man die Dachlandschaft der Grazer Altstadt besonders deutlich. Deshalb betrifft das Kastner-Dach nicht nur die Eigentümerseite, sondern auch das öffentliche Stadtbild.
Eine mögliche Lösung müsste mehrere Anforderungen erfüllen. Sie müsste technisch funktionieren, finanzierbar sein und zum historischen Umfeld passen. In der Diskussion ging es auch um Paneele beziehungsweise mögliche Photovoltaik-Lösungen. Doch auch solche Elemente müssten sich mit dem Welterbe vertragen.
Graz will mehr Klimaschutz und mehr erneuerbare Energie. Gleichzeitig darf die Altstadt ihr Erscheinungsbild nicht verlieren. Genau dieser Konflikt macht einfache Lösungen schwierig.
Kahr und Schwentner sehen weiter Gesprächsbedarf
Im Presseclub entstand nicht der Eindruck, dass die Stadt das Thema ignoriert. Vielmehr erklärten Elke Kahr und Judith Schwentner, warum es so zäh vorangeht. Die Stadt kann Gespräche führen, auf eine Lösung drängen und politische Verantwortung einfordern. Ohne rechtliche Grundlage kann sie aber nicht über ein privates Gebäude verfügen.
Judith Schwentner sprach laut früheren Medienberichten bereits 2023 von konstruktiven Gesprächen und zeigte sich damals optimistisch, dass eine erste Umsetzung näher rücken könnte. Auch die Kleine Zeitung berichtete im Jahr 2023 über eine mögliche Materialentscheidung. Trotzdem blieb das Thema weiter offen.
Für Graz ist das politisch unangenehm. Denn je länger das Dach unfertig wirkt, desto stärker wird es zum Symbol. Es steht dann nicht nur für ein einzelnes Bauprojekt, sondern für die Frage, ob die Stadt bei sichtbaren Innenstadtproblemen genug Tempo macht.
Der Vergleich mit dem Stadion passt politisch
Die Publikumsfrage verband das Kastner-Dach mit dem Stadion. Auf den ersten Blick haben beide Themen wenig miteinander zu tun. Beim Stadion geht es um Sport, Finanzierung, Betriebskonzept, Stadt, Land und Vereine. Beim Kastner-Dach geht es um Eigentum, Welterbe, Baurecht, Gestaltung und Stadtbild.
Trotzdem gibt es eine Gemeinsamkeit: In beiden Fällen hört die Öffentlichkeit seit Jahren von Prüfungen, Gesprächen und Zuständigkeiten. Gleichzeitig fehlt eine endgültige sichtbare Lösung. Genau deshalb eignet sich der Vergleich als politischer Seitenhieb.
Facebook-Debatte zeigt: Das Thema trifft einen Nerv
Unser kurzes Reel zum Kastner & Öhler-Dach hat auf Facebook schnell viele Reaktionen ausgelöst: mehr als 34.000 Aufrufe und 87 Kommentare seit dem Vorabend. Dabei ging es längst nicht nur um ein Dach.
Viele sehen Kastner & Öhler als wichtigen Grund, überhaupt in die Innenstadt zu fahren. Andere stören sich am unfertigen Dach und am Blick auf die Grazer Altstadt. Wieder andere fragen, warum die Stadt nicht einfach ein Machtwort spricht.
Genau daran sieht man, wie aufgeladen das Thema ist: Für die einen geht es um Innenstadtleben, Arbeitsplätze und Frequenz. Für die anderen um Stadtbild, Welterbe und eine Lösung, die seit Jahren aussteht.
Die offene Frage: Wer trägt Verantwortung?
Das Kastner & Öhler-Dach zeigt, wie schwer Stadtpolitik in einer historischen Innenstadt werden kann. Drei Ebenen treffen aufeinander.
Erstens geht es um das öffentliche Interesse. Die Grazer Altstadt ist nicht irgendein Ort. Sie prägt das Bild der Stadt und spielt für Tourismus, Identität und Welterbe eine zentrale Rolle.
Zweitens geht es um privates Eigentum. Die Stadt kann ein genehmigtes Bauwerk nicht beliebig nachträglich steuern, wenn ihr die rechtliche Grundlage fehlt.
Drittens geht es um politische Verantwortung. Wenn ein Problem jahrelang sichtbar bleibt, erwarten viele Menschen, dass jemand eine Lösung findet. Zuständigkeiten erklären das Problem, lösen es aber nicht automatisch.
Was jetzt passieren müsste
Eine Lösung braucht mehrere Schritte. Zuerst müsste die Eigentümerseite eine umsetzbare Variante mittragen. Danach müssten Stadt, Fachabteilungen und Welterbe-Expertinnen und Experten prüfen, ob Gestaltung und Material zum historischen Umfeld passen. Außerdem müsste die Finanzierung geklärt werden.
Gleichzeitig bleibt der Gesetzgeber gefragt. Wenn das Baurecht tatsächlich keine wirksame Fertigstellungsfrist vorsieht, entsteht bei vergleichbaren Fällen auch künftig ein Problem. Graz hat deshalb bereits eine Änderung des Landesgesetzes angestoßen. Solange das Land hier keine klare Regel schafft, bleibt der Spielraum der Stadt begrenzt.






















































