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Ein wunderbar warmer Sommersamstagvormittag. Wir warten an der Haltestelle »Straßgang Zentrum« auf den Bus Richtung Innenstadt. Laut Fahrplan dauert es noch einige Minuten, bis zur Abfahrt des Busses. Neben uns an der Haltestelle eine ältere Dame.

Dann kommt der Bus, wir steigen ein, ebenso die ältere Dame. Zielstrebig bahnt sie sich den Weg von der Mitte bis zum Fahrer, um sich mit der Bemerkung »Ich möchte zum Kulturzentrum« an ihn zu wenden. Der Busfahrer konnte mit dieser Information wenig bis gar nichts anfangen und so haben wir uns eingeschaltet und die Dame aufgeklärt, dass sich das Kulturzentrum exakt gegenüber der Haltestelle befindet, an der sie eingestiegen ist und sie besser nur die Straße überquert hätte. Offenbar waren wir jedoch so wenig vertrauenserweckend, dass sie uns keine Aufmerksamkeit schenkte. Der Busfahrer griff unsere Erklärung dankbar auf und meinte nur lapidar »Des woar scho’«, um auf das »Und was mach‘ ich jetzt?« ebenso lapidar fortzusetzen »I tat wieda aussteig’n«. Leider waren bis dahin schon zwei weitere Busstationen passiert.

Wir hatten gar keine Zeit, unser breites Grinsen richtig zu genießen, als bereits der zweite Akt des Spektakels seinen Lauf nahm.

Zweiter Akt

In der Reihe vor uns, im nur mäßig gefüllten Bus, saß eine elegante, ältere Dame mit einer bemerkenswert großen Handtasche. Aus den Untiefen der Tasche meldete sich plötzlich ein Handy; nicht irgendwie, sondern mit einem Klingelton, den man getrost zur Reanimierung von Toten verwenden könnte. Wir hegten die böse Vermutung, dass sich ein fürsorgliches Enkerl die Einrichtung des großmütterlichen Mobiltelefones fürstlich entlohnen hat lassen. Unsere Honorarschätzung lag etwa bei € 20,-.

Es ist ein ehernes Gesetz, dass überdimensionale Damenhandtaschen Schwarzen Löchern gleichen und darin verstaute Gegenstände prinzipiell auch dann nicht mehr auftauchen, wenn sie noch so penetrante Töne von sich geben. Besagtes Enkerl hatte jedoch das großmütterliche Telefon so eingerichtet, dass die Lautstärke weiter anschwoll und das Schwarze Loch resignierenderweise die Lärmquelle freigab.

»Hallo! Haaaaaalloooo? HAAAAAAALLOOOO???« Die Stimme der Dame war in puncto Lautstärke ihrem Telefon durchaus ebenbürtig. Der Gesprächspartner wurde umgehend aufgeklärt »Ich bin im Bus«. Und dann noch einmal und noch lauter »IM BUS!«. Wir wissen nicht, ob die Verbindung schlecht oder das Hörvermögen am anderen Ende der Leitung eingeschränkt war, jedenfalls wurde die Dame ein klein wenig ungehalten »JA, HÖRST DU MIR NICHT ZU? IM BUS! FÜNFZEHN MINUTEN!« und dann gleich noch einmal »IM BUS! FÜNFZEHN MINUTEN!« Und dann beendete sie das Gespräch grußlos. Wie das Rendezvous verlaufen sein könnte, möge sich jeder selbst ausmalen.

Unser bereits nach dem ersten Akt sehr breites Grinsen wurde nochmals signifikant breiter. Da wussten wir jedoch noch nicht, welche Überraschung der dritte Akt für uns bereithalten würde, der ohne Verschnaufpause einsetze.

Dritter Akt

Stimmen im hinteren Bereich des Busses, die einem jungen Pärchen zuzuordnen waren, welches offenbar gerade Lust verspürte, Meinungsverschiedenheiten lautstark auszutragen. Worum sich diese Differenzen drehten, war für uns nicht festzustellen, dies dürfte für den weiteren Verlauf der Handlung jedoch auch kaum Relevanz haben; nicht ganz handlungsirrelevant war das Outfit des Paares, welches jedem 70er-Jahre Punk durchaus gefallen hätte.

Die junge Frau war jedenfalls über die vermeintliche Verbohrtheit ihres Freundes sichtlich verärgert und beschloss dieser Empörung durch räumliche Trennung Ausdruck zu verleihen, indem sie laut schimpfend durch den Bus bis ganz nach vorne rannte. Der junge Mann nahm die Verfolgung auf, blieb dann jedoch ein wenig weiter hinten und setzte sich nieder. Über etliche Reihen hinweg setzen die beiden ihre Keppeleien fort, welche – ohne die beiden zu sehen – eher dem Archtypus »Altes Ehepaar«, denn »Junge Wilde« entsprochen hätte. Hätte man nur die Intensität des Wortschwalles in Betracht gezogen, so hätte die junge Frau eindeutig einen Sieg nach Punkten errungen. Und dann eine dramaturgisch durchaus spannende Wendung. Der junge Mann ist keinesfalls gewillt, diesen Streit einfach so verloren zu geben; er erhebt seine Stimme und plötzlich schallt in lupenreiner Burgtheatersprache »Du … du … du verzogene Göre!« durch den Bus. Kurze Stille, dann schimpft sie weiter, worüber ist immer noch unklar.

Der Bus biegt in den Griesplatz ein. Die junge Frau erhebt sich von ihrem Sitz und flötet gleich einer jungen Amsel in Richtung ihres Freundes »Komm, Schatzi, wir müssen jetzt aussteigen!« Er kommt zu ihr nach vorne; Hand in Hand und in schönster Innigkeit steigen die beiden aus und schlendern in westlicher Richtung davon.

Wir wissen bis heute nicht genau, ob das wirklich eine schlichte Öffifahrt oder nicht doch eine Ausweitung des Theaterprojektes im Bahnhof auf einen Bus der Grazer Linien war. Amüsant war es allemal.

Die Autorin Susanne Drothler über sich: Vor ungefähr eineinhalb Jahren hat es mich nach Graz verschlagen, der Liebe wegen. Ich denke, es könnte schlimmere Gründe für einen Ortswechsel geben. Und mittlerweile, ist es nicht nur die Liebe zu meinem Mann, sondern auch die Liebe zu dieser Stadt, die das Leben hier für mich so besonders lebenswert macht. Ich lerne die Stadt jeden Tag ein bisschen mehr kennen und dabei kommt mir auch die eine oder andere Begebenheit unter, die mit den Charme dieser Stadt ausmacht. Berührende Momente und solche zum Schmunzeln, die ich festhalten möchte, »Grazer Miniaturen« sozusagen.

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