Start Nachgefragt Was passiert wirklich bei der Bundesheer-Stellung?

Was passiert wirklich bei der Bundesheer-Stellung?

Eineinhalb Tage, die entscheiden - Oberst Strasser, Leiter der Stellungskommission Steiermark, erklärt im Gespräch mit Inside Graz den kompletten Ablauf.

Jedes Jahr stehen rund 6.500 junge Steirer vor einem der wichtigsten Termine ihres Lebens: der Stellung beim Bundesheer. Doch was passiert wirklich hinter den Kasernentoren? Oberst Strasser, Leiter der Stellungskommission Steiermark in der Belgier Kaserne in Graz, erklärt den genauen Ablauf – und räumt mit einigen Missverständnissen auf.

Stellungskommission Steiermark Oberst Strasser
Oberst Edgar Strasser, Leiter des Stellungshauses Graz

Früh am Morgen beginnt für die jungen Männer ein Prozess, der eineinhalb Tage dauert. Bis spätestens 7 Uhr müssen sie in der Stellungskommission erscheinen, wo zunächst administrative Tätigkeiten erledigt werden. Dann geht es zügig weiter: Noch bevor die jungen Männer zum Frühstück gehen, wird die Blutabnahme durchgeführt – denn diese muss im nüchternen Zustand erfolgen.

Acht Tests an einem Tag

Der erste Tag dient dazu, alle Grundlagen für die ärztliche Untersuchung des zweiten Tages zu schaffen. Das Programm ist dicht: Ein EKG wird in Ruhe gemacht, dazu kommt eine Lungenfunktionsprüfung (Spirometrie), ein Seh- sowie ein Hörtest, ein psychologischer Test und eine Biometrie. Besonders interessant: die sogenannte Isometrie, eine Kraftmessung, die den körperlichen Zustand der jungen Männer objektiv erfasst.

Kraftmessung bei der Stellung
Lukas Rauschenberger am Kraftstuhl. Die Grundwehrdiener Niklas und Jonas (vlnr.) geben Instruktionen.

„Wir schaffen am ersten Tag die Voraussetzungen für die ärztliche Untersuchung am zweiten Tag“, erklärt Oberst Strasser. Zeigen sich bei einzelnen Untersuchungen Auffälligkeiten – etwa ein erhöhter Visus beim Sehtest – werden die jungen Männer noch am Nachmittag des ersten Tages zu Fachärzten geschickt, damit am nächsten Tag ein vollständiges Bild vorliegt.

Untersuchungen beim Bundesheer

Kein genereller Drogentest

Eine hin und wieder gestellte Frage: Wird bei der Stellung ein Drogentest durchgeführt? Oberst Strasser ist klar: „Wir machen grundsätzlich keinen Drogentest.“ Ein solcher werde nur auf konkreten Verdacht hin angeordnet – nicht routinemäßig. Auch orthopädische Befunde spielen eine Rolle: Bringt ein junger Mann bereits einen entsprechenden Befund mit, wird dieser einbezogen. Im Zweifelsfall wird auch hier ein Facharzt hinzugezogen.

Fitness: Kein Grund zur Panik

Medial wird häufig ein düsteres Bild der körperlichen Verfassung der heutigen Jugend gezeichnet. Oberst Strasser widerspricht diesem Bild: „Ich kann nicht feststellen, dass so viele mit Adipositas behaftet sind, wie es oft dargestellt wird.“ Die Realität sei vielschichtiger – die Bandbreite reiche vom wenig sportlichen Typ bis hin zum Spitzensportler. Eine dramatische Verschlechterung gegenüber früheren Jahren könne er nicht bestätigen.

Der Wunschzettel ans Bundesheer

Oberst Strasser
Oberst Edgar Strasser

Was viele nicht wissen: Am zweiten Tag dürfen die Stellungspflichtigen einen sogenannten Wunschzettel ausfüllen – und angeben, in welchen Bereichen oder an welchen Standorten sie ihren Wehrdienst absolvieren möchten. „Wir versuchen, so gut wie möglich auf die Wünsche einzugehen“, sagt Strasser. Allerdings mit einer klaren Einschränkung: „Das ist ungefähr so wie der Brief ans Christkind – da wird massiv aufgeschrieben, und dann wird nicht alles erfüllt.“

Der Grund ist simpel: Wenn 25 junge Männer Kraftfahrer werden wollen, die Kaserne aber nur fünf Stellen hat, müssen Kompromisse gefunden werden. Grundsätzlich sei der Trend aber klar – man versuche, die Wehrpflichtigen möglichst in der Nähe ihres Wohnorts einrücken zu lassen.

Trend zum Cybersoldaten

Die heutige Generation kommt mit anderen Interessen zur Stellung als frühere Jahrgänge. Oberst Strasser beobachtet einen klaren Trend: Immer mehr junge Männer interessieren sich für den Bereich Cyber und digitale Kriegsführung. „Die heutige Generation ist mehr auf Laptop und diesen Dingen unterwegs“, so Strasser. Auch die Drohnenausbildung gewinnt zunehmend an Beliebtheit – wobei hier Standort und verfügbare Ausbildungsplätze eine entscheidende Rolle spielen.

Dass sich die Anforderungen des Militärs verändern, zeigt sich auch in der Infrastruktur: Große Massenunterkünfte mit bis zu 20 Betten pro Zimmer gehören der Vergangenheit an. Heute sind Vierbände-Zimmer der Standard – was die Kasernen vor neue Kapazitätsherausforderungen stellt, ohne dass die Gebäude selbst größer geworden wären.

Wehrpflicht auch für Frauen?

Frauen beim Bundesheer
Gefreite Sarah Handl ist als EKG-Stationsleiterin in der Stellungskommission tätig.

Eine der meistdiskutierten Fragen rund ums Bundesheer: Soll die Wehrpflicht auch für Frauen gelten? Oberst Strasser positioniert sich hier differenziert. Eine rein militärische Verpflichtung für Frauen sieht er skeptisch – aber er plädiert für eine breitere Diskussion: „Warum nicht einen verpflichtenden Zivil- oder Sozialdienst für Frauen?“

Jene Frauen, die freiwillig zur Stellung kommen, haben laut Strasser meist ein klares Ziel vor Augen: „Die jungen Damen, die zu mir zur Untersuchung kommen, möchten grundsätzlich Berufssoldat werden.“ Reines Reinschnuppern sei eher die Ausnahme – wer kommt, hat oft schon konkrete Pläne.

Wehrpflicht in Zeiten des Krieges

Angesichts der geopolitischen Lage in Europa lässt Oberst Strasser keinen Zweifel an der Bedeutung der Wehrpflicht: „Wenn man sieht, wie nahe der Krieg immer Richtung Zentraleuropa kommt, dann stellt sich keine Frage, ob die Wehrpflicht wichtig ist oder nicht.“ Die Stellungskommission sei dabei die Institution, die entscheide, ob ein junger Mann für den Wehrdienst geeignet, eingeschränkt geeignet oder nicht geeignet ist.

DIE STELLUNG AUF EINEN BLICK

Militärkommando Steiermark Stellungskommission
Hier geht es zur Stellungskommission in der Grazer Belgier Kaserne.
  • Dauer: Eineinhalb Tage
  • Ort: Belgier Kaserne, Graz
  • Die Stellungskommission Steiermark ist zuständig für Graz, Bruck-Mürzzuschlag, Deutschlandsberg, Graz-Umgebung, Hartberg-Fürstenfeld, Leibnitz, Leoben, Liezen, Südoststeiermark, Voitsberg, Weiz sowie Güssing, Jennersdorf und Oberwart.
  • Jährlich: ca. 6.500 junge Männer aus der Steiermark
  • Tests: Blutabnahme, EKG, Lungenfunktion, Isometrie, Hör- & Sehtest, Psychologie
  • Ergebnis: Geeignet / eingeschränkt geeignet / nicht geeignet

Link zum Thema:

karriere.bundesheer.at/stellung

Fotos: Inside Graz

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