Während Drohnenangriffe und ballistische Raketen die Schlagzeilen dominieren, lauert im Persischen Golf eine Gefahr, die man weder sieht noch hört – bis es zu spät ist. Seeminen. Und der Iran hat davon, laut Schätzungen westlicher Geheimdienste, zwischen 5.000 und 6.000 Stück.
In Zusammenarbeit mit Inside Politics Austria führte Claudio Schiesl in der Grazer Belgier-Kaserne ein ausführliches Interview mit Oberst dG Matthias Wasinger, Militär- und Marinefachmann beim österreichischen Bundesheer. Im Gespräch erklärt er, warum diese oft vergessene Waffe zu einer der größten Bedrohungen im aktuellen Konflikt zählt – und warum sie so schwer zu beseitigen ist.
Nicht die Kugel aus dem Film

Wer an eine Seemine denkt, hat meist das gleiche Bild vor Augen: eine rostbraune Kugel mit Zacken, die an der Wasseroberfläche treibt. „Das ist nur eine von vielen Arten“, stellt Wasinger klar. Die Realität ist weitaus komplexer – und gefährlicher.
Bodenminen liegen unsichtbar am Meeresgrund und reagieren auf Akustik, auf das Magnetfeld eines Schiffsrumpfes oder auf Druckveränderungen im Wasser. Wenn ein Schiff darüberfährt, schießen sie nach oben und brechen den Rumpf von unten auf. Ankerminen schweben knapp unterhalb der Wasseroberfläche, verankert am Grund, mit langen Sensoren, die auf Berührung reagieren. Und dann gibt es noch Kabelminen, die wie ein Stolperdraht quer durch das Wasser gespannt werden – berührt ein Schiff den Draht, detoniert die Mine.
Alle diese Typen zusammen können eine Meerenge wie die Straße von Hormus faktisch unpassierbar machen.
33 Kilometer – aber nur 10 sind schiffbar
Die Straße von Hormus ist an ihrer schmalsten Stelle 33 Kilometer breit. Klingt viel. Ist es aber nicht. Denn von diesen 33 Kilometern sind nach internationalen Schifffahrtsregeln nur rund 10 Kilometer tatsächlich befahrbar: drei Kilometer in die eine Richtung, drei in die andere, drei als Toleranzstreifen dazwischen. Durch diesen schmalen Korridor fließen täglich bis zu 20 Millionen Barrel Öl – rund 20 Prozent des weltweiten Bedarfs.
„Alle 500 Meter könnte eine Mine eingesetzt werden“, sagt Wasinger. Selbst wenn nur ein Bruchteil davon tatsächlich verlegt wird, reicht das, um den Schiffsverkehr zum Erliegen zu bringen – nicht durch direkte Treffer, sondern durch die schiere Angst davor. Die Versicherungsprämien für Tanker schnellen in die Höhe, Reedereien schicken ihre Schiffe nicht mehr durch, der Ölfluss stoppt.
Die stillen Helden: Minenräumer
Das Beseitigen von Seeminen ist eine der gefährlichsten und aufwändigsten Aufgaben in der modernen Seekriegsführung. Wasinger nennt sie die „stillen Helden“ –-Minenräumschiffe und ihre Besatzungen, die kaum je in den Schlagzeilen auftauchen.
Was viele überrascht: Minenräumschiffe werden heute oft noch aus Holz bis zu modernen metallfreien Verbundwerkstoffen gebaut. Der Grund ist simpel – magnetisch ausgelöste Minen sollen nicht auf das Räumschiff selbst ansprechen. Daneben kommen im 21. Jahrhundert zunehmend autonome Unterwasserdrohnen zum Einsatz, die Minen am Meeresgrund aufklären, markieren oder durch Durchtrennen von Verankerungsseilen unschädlich machen können. Im Notfall werden Minen auch gezielt beschossen oder gesprengt.
Das eigentliche Problem: Räumen unter Beschuss
All das klingt lösbar – in Friedenszeiten. Im laufenden Konflikt aber ist Minenräumen ein hochriskantes Unterfangen. „Solange der Iran noch Schahed-Drohnen, Marschflugkörper, Antischiffsraketen und ballistische Raketen verfügbar hat, ist das theoretisch möglich, aber wahrscheinlich mit hohen Verlusten verbunden“, so Wasinger.
Minenräumschiffe sind langsam, verwundbar und – das ist der entscheidende Punkt – selten. Sie gelten als sogenannte „High Value Assets“, also schwer ersetzbare Kapazitäten. Wer sie versenkt, hat strategisch viel gewonnen. Und genau das weiß auch der Iran.
Eine Minenräumoperation würde daher entweder eine massive parallele Luftkampagne erfordern, um iranische Waffensysteme zu unterdrücken – oder Bodentruppen an der Küste, also „Boots on the Ground“, die der US-Präsident erkennbar vermeiden will.
Eine Waffe, die sich selbst bezahlt macht
Was Seeminen so attraktiv macht, ist dasselbe Prinzip wie bei den Shahed-Drohnen: der asymmetrische Kostenvorteil. Eine einfache Seemine kostet einen Bruchteil des Schadens, den sie anrichten kann – ob an einem Tanker, an einem Kriegsschiff oder an der globalen Lieferkette. Der Iran muss die Minen nicht einmal einsetzen. Ihre bloße Anwesenheit – oder die Drohung damit – genügt, um den Schiffsverkehr zu lähmen.
Wasinger fasst es nüchtern zusammen: Der wirtschaftliche Schaden für die Weltwirtschaft, für die Golfstaaten und für ölabhängige Länder wie Japan, Südkorea und China ist enorm – und das bei vergleichsweise geringem Aufwand für den Iran.
Was bedeutet das für Europa?
Österreich ist vom Ölfluss durch Hormus weniger direkt abhängig als asiatische Länder. Steigende Energiepreise und wirtschaftliche Verwerfungen treffen aber auch Europa. Und für das Bundesheer hat die aktuelle Lage eine klare Botschaft: Asymmetrische Waffen wie Drohnen und Minen verändern die Kriegsführung grundlegend – und erfordern neue Fähigkeiten, neue Technologien und eine neue Denkweise.
Das vollständige Interview mit Oberst dG Matthias Wasinger entstand in Zusammenarbeit mit Inside Politics Austria und wurde von Claudio Schiesl in der Grazer Belgier-Kaserne geführt. Oberst dG Wasinger ist Offizier beim österreichischen Bundesheer und in der Direktion 1 Einsatz in Graz stationiert. Er ist Militärfachmann mit besonderem Schwerpunkt auf Marinefragen.



























































