An der Militärakademie in Wiener Neustadt legt Oberst Markus Reisner in seinem neuesten Video auf dem Youtube Kanal des österreichischen Bundesheeres den Fokus bewusst weg vom klassischen Frontlage-Update und hin zu einem Thema, das aus seiner Sicht Europa direkt betrifft: hybride Kriegsführung. Der Kern seiner These: Während der Krieg in der Ukraine in den Domänen Land, Luft und See sichtbar tobt, testet Russland Europa vor allem im Cyber- und Informationsraum.
Cyber und Informationsraum als Hauptschauplatz
Reisner beschreibt im Video (siehe oben) den Cyberraum als Infrastruktur, über die Beeinflussung überhaupt erst massenhaft wirken kann. Zielgruppe seien nicht nur Behörden oder Militärs, sondern „wir alle“ als Gesellschaft. Dadurch verschiebe sich der Schwerpunkt: Es gehe weniger um Panzerbewegungen, sondern um Ausspähung, Desinformation, Druckaufbau und das Schüren von Unsicherheit.
Das Beispiel Krim und das Prinzip der Abstreitbarkeit
Als Einstieg nennt Reisner das bekannte Muster der „kleinen grünen Männchen“ auf der Krim 2014: Soldaten ohne Kennzeichnung, die ein Vorgehen ermöglichen, ohne sofort eine eindeutige staatliche Verantwortung nachweisen zu können. Genau diese Grauzone sieht er als typisches Element hybrider Methoden.
Vier Phasen: Von Demoralisierung bis Intervention
Reisner ordnet hybride Einflussnahme in ein Modell ein, das er als aus der sowjetischen Denkschule abgeleitet beschreibt: Demoralisierung, Destabilisierung, Krise und Intervention. Demoralisierung könne sich über Jahre ziehen, während Destabilisierung bereits in Monaten erreichbar sei. Entscheidend sei laut Reisner die Zielrichtung: Ein Staat soll sein Verhalten ändern, wenn er sich aus Sicht Moskaus „in die falsche Richtung“ bewege, etwa durch stärkere Westorientierung.
„Fünf Bären“ als Akteure
Als handelnde Seite beschreibt Reisner die „fünf Bären“ – eine vereinfachte Sammelbezeichnung für zentrale Institutionen: das russische Außenministerium, die Dienste GRU, SVR und FSB sowie das Verteidigungsministerium. Diese Akteure würden ihre Maßnahmen gesamtstaatlich bündeln und vor allem im Cyberraum operieren.
Von Ausspähung zu Beeinflussung und Sabotage
Reisner skizziert eine Abfolge: Zuerst stehen Ausspähung und das Identifizieren kritischer Infrastruktur. Danach folgt Beeinflussung, also der Versuch, politische Entscheidungen und gesellschaftliche Stimmungen zu drehen. Als Beispiele nennt er unter anderem Drohnenereignisse, Desinformationsmuster und Eskalationen, die Regierungen unter Druck setzen sollen.
Wenn das nicht ausreiche, rücke Sabotage als nächste Stufe in den Vordergrund. Reisner verweist dabei auf Fälle, in denen Kommunikationsanlagen, Wasserinfrastruktur oder kritische Systeme Ziel von Angriffen oder Eindringversuchen wurden. Er betont außerdem die wachsende Bedeutung von Unterseekabeln und Energie- sowie Datenverbindungen.
Drohnen als Mittel mit großer Wirkung
Besonders ausführlich behandelt Reisner Drohnenüberflüge. Er argumentiert, dass Drohnen mit vergleichsweise geringem Aufwand große Effekte erzeugen: Störungen, Sicherheitsmaßnahmen, Medienaufmerksamkeit und Verunsicherung. Zusätzlich entstehe ein politischer Nebeneffekt, wenn Staaten Luftabwehr lieber im eigenen Land halten, statt sie an die Ukraine zu liefern.
„Wegwerfagenten“: Rekrutierung über soziale Medien
Ein zentrales Element im Vortrag ist der Begriff „Wegwerfagenten„. Reisner beschreibt damit Personen ohne direkten erkennbaren Draht zu staatlichen Stellen, die über soziale Medien für kleine Aufträge angeworben werden. Das Prinzip: Viele Einzelschritte werden auf mehrere Beteiligte verteilt, sodass der Nachweis einer Steuerung im Hintergrund schwerfällt. Genau darin sieht er die praktische Herausforderung für Ermittler und Sicherheitsbehörden.
Österreichs Rolle als kritischer Knotenpunkt
Reisner stellt die Geografie in den Vordergrund: Staaten im Zentrum Europas hätten besondere Bedeutung als Transit- und Versorgungsräume. Österreich nennt er explizit als wichtige „Stromdrehscheibe“ mit Relevanz für Stabilität und Versorgung, gerade bei großräumigen Engpässen oder Blackout-Szenarien. Aus seiner Sicht erhöht das die Notwendigkeit, kritische Infrastruktur eng zu beobachten und besser zu schützen.
Fazit: Resilienz entscheidet
Zum Schluss lenkt Reisner in seiner Präsentation den Blick auf die strategische Frage, wie Europa reagiert: Er plädiert dafür, hybride Angriffe als realen Bestandteil moderner Konflikte ernst zu nehmen und gesellschaftliche Resilienz zu stärken. Gleichzeitig macht er klar, dass hybride Aktionen gerade deshalb wirken, weil sie unterhalb klassischer Kriegsschwellen bleiben und politische Entscheidungsräume verengen sollen.
Quelle: Video von Oberst Markus Reisner (Militärakademie Wiener Neustadt).























































